Tom Fuller | Biografie

  • Roachford

 

Tom Fuller ist eine in jeglicher Hinsicht auffällige Erscheinung. Seine feuerroten Haare, seine blasse, sommersprossenübersäte Haut und seine herben Gesichtszüge sind die markanten äußeren Attribute eines Mannes, dem man ansieht, dass er schon einiges im Leben mitgemacht hat. Aber vor allem besitzt der Sänger, Gitarrist und Songwriter aus Chicago, Illinois eine  rauchig-wildlederne Stimme, deren Charme man kaum widerstehen kann und die seinen Songs das gewisse Etwas gibt, das sofort hellhörig macht. Mit „Freedom“ legt der Bandleader der Tom Fuller Band das nunmehr vierte Album vor, auf dem er zum ersten Mal sein Innerstes nach Außen kehrt, wie er freimütig gesteht. „Ich habe mich bislang hinter Metaphern versteckt. Aber auf ’Freedom’ wende ich mich nun dem wahren Leben zu. Ich musste einfach mein Herz auf der Zunge tragen, auch wenn das nicht immer einfach ist.“

Aufgenommen wurde „Freedom“, an dem Tom Fuller mit seiner Band ein halbes Jahr lang gearbeitet hat, in Nashville, Tennessee und in Chicago, abgemischt in den berühmten Fame Studios in Muscle Shoals, Alabama und gemastert schließlich in den legendären Abbey Road Studios in London.  Die elf Songs präsentieren eine erstaunliche stilistische Bandbreite, die Tom Fuller als traditionsbewussten und bezugsreichen Komponisten ausweisen, der griffige Rocksongs ebenso beherrscht wie dynamischen Bluesrock und romantische Popsongs. Mit der Ausnahme der Coverversion von „I Will Always Think About You“ (im Original von The New Colony Six, einer Sixties-Band aus Chicago, die mit diesem Titel 1968 einen Hit landete) hat Fuller alle Songs selbst geschrieben. Songs über weise Einsichten aus bitteren Erfahrungen heraus, Songs über Liebe und Verlust, Sucht und Hoffnung – die Nomenklatur des Lebens. 

Tom Fuller, geboren und aufgewachsen in Amerikas berühmter Blues- und Soulmetropole am Lake Michigan, hatte als Junge zwei Träume: Rockmusiker oder Geschäftsmann zu werden. Er wurde letztendlich beides. Als er vor fünfzehn Jahren herausfand, dass er ein patenter Songwriter ist, dessen Songs schnell Gehör finden, gab es kein Zurück mehr von der Bühne. „Von da an habe ich meine Musik ernst genommen“, so Fuller. Seit seinem im Jahr 2005 erschienen Debütalbum „Chasing An Illusion“ arbeitet er mit dem Erfolgsproduzenten Rick Chudacoff zusammen, der den Sound der Tom Fuller Band mitgeprägt hat. Auf das zweite Album „Abstract Man“ (2008) folgte mit „Ask“ (2011) ein Werk, bei dem Tom Fuller die Gelegenheit hatte, einige Songs gemeinsam mit Abe Laboriel Jr. und Brian Ray von Paul McCartneys Band aufzunehmen. Dass ihm das als erklärter Fan von Paul McCartney eine besondere Ehre war, wird auch auf dem neuen Album schnell evident.   

Bereits der Opener des neuen Albums, „Roller Coaster Free Fall“,  weist ihn als großen Liebhaber von Beatles-Harmonien aus. Das Leben als Achterbahnfahrt ist dabei weniger abgegriffenes Klischee als bittere Reflexion: „Ich habe in meinem Leben reichlich Erfahrung mit Alkohol gemacht und mit allem, was das mit sich bringen kann. Es war eine Flucht, aber dann ging es irgendwann steil bergab. Es war schon eine Frage von Leben oder Tod. Ich hatte eigentlich kaum mehr eine Chance, bis ich sie in meinen Songs fand.“ Vielleicht sind es die harschen Erfahrungen des Lebens, die Tom Fullers Songs so unmittelbar und real wirken lassen. „Freedom“ ist in dieser Hinsicht sicherlich einer der Schlüsselsongs des Albums. Voluminös und packend wie eine der großen Rockballaden von Guns N Roses zu ihren besten Zeiten, erwies sich die Ausarbeitung des Songtexts als eine der prekärsten Aufgaben: „Was wirklich ein wenig beängstigend war, war, über mein einziges Kind zu schreiben. Es gibt nichts schlimmeres, als ein Kind zu haben, zu dem man keine Beziehung hat. Ganz gleich, was die Leute dir erzählen, man steht damit ganz allein da und muss ganz alleine damit klarkommen. Der Song ist ein Hilferuf des Herzens: ‚Hey, ich brauche Hilfe. Ich habe auch nicht auf alles eine Antwort.“

Musikalisch ist Tom Fuller indes um keine Antwort verlegen. Die lockere Verspieltheit von „1+1“ verweist auf frühe Brit-Pop-Helden wie Hollies und Kinks, der griffige Bluesrock von „Lonely Man“ hingegen eher auf Badfinger und Wilko Johnson. „Bring Me Down“ dagegen ist stilistisch viel stärker im Hier und Jetzt verortet und kann inklusive eines herrlichen Gitarrensolos gut mit den jüngsten, lyrisch verwehten Americana-Elaboraten von Tom Petty mithalten. Bei dem muskulösen „Fat Boy“ weiß man wiederum gleich, warum Tom Fullers mitreißende Rock’n’Roll-Attitüde oft mit Cheap Trick verglichen worden ist, die ebenfalls aus Illinois stammten. Der Schuss Glam-Rock wird hier durch pfundige Bläsersätze verstärkt. 

Dass Tom Fuller, der sich selbst als Träumer und Romantiker bezeichnet, auch wunderbare Balladen schreiben kann, beweist er mit „Sweet Dreams“, ein Song, dessen komplexes Arrangement an die Großtaten von 

Wilco erinnert. Stilistische Berührungsängste sind Fuller jedenfalls fremd, was sich auch in seinem selbstbewussten Selbstverständnis als Songwriter offenbart. Erinnert sich bei „Jurisdiction“ etwa jemand an Joe Jackson? Lässt „Highest Mountain“ nicht Paul McCartney zu Venus-and-Mars-Zeiten noch einmal hochleben? Auch wenn „Freedom“ dazu einladen mag, den Assoziationen freien Lauf zu lassen, sorgt die Tom Fuller Band in jedem Moment dafür, dass sie ihren ganz eigenen charakteristischen Sound lebt, was in Anbetracht ihres eigenwilligen Frontmanns auch spielend gelingt.

Als Tom Fuller für die Single „1+1“ von den beiden Videoregisseuren Matt Silver und Andy Shore einen Videoclip drehen ließ, entwickelten sie gemeinsam die Idee, alle Songs in einer Art übergeordneten Geschichte filmisch umzusetzen. Im Mittelpunkt der losen Erzählung steht ein in der Zukunft angesiedelter Geheimbund von Clowns namens The Sideshow, der von dem rätselhaften Ringmaster (der von Tom Fuller gespielt wird) angeführt wird. So entstanden also insgesamt 11 Videoclips, die allesamt als Download verfügbar gemacht werden. Damit nicht genug, schlug die bekannte Comic-Zeichnerin Kate Glasheen vor, die Geschichte auch zu illustrieren. Tom Fuller war begeistert: „Ein Album, dass zu einer Reihe von Videos inspiriert, die wiederum ein Comic inspirieren. Ein wirklich einzigartiges Projekt.“ Nun erscheint das Album „Freedom“ nicht nur in den herkömmlichen Formaten, sondern auch als limitierte Edition, die neben den elf Songs zusätzlich alle Videoclips und den Comic enthält – eine in dieser Form höchst seltene künstlerische und medienübergreifende Umsetzung eines Albumprojekts. 

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