The Legendary Tigerman | Biografie

  • Bliss

„I'm just a wild beast with a broken heart.“

Auf der Bühne findet die fabelhafte Verwandlung des Paulo Furtado statt. Dort wird aus dem  coolen Typen mit der Sonnenbrille ein fauchendes Glamourwesen im Jackett, das auf den Namen The Legendary Tigerman hört und sich in rasendem Dialog mit seinen Instrumenten befindet: Kickdrum, Gitarre, Mundharmonika. Auf der Leinwand im Hintergrund spielen die Filme, die im Kopf des Tigerman Gestalt angenommen haben, der Soundtrack zur Show. „One Man Band“ ist eine schwache Umschreibung für das, was der in Portugal aufgewachsene Multiinstrumentalist und Sänger darstellt und seit 2002 in die Welt hinaus produziert.

Furtado ist ein Phantast des Rock'n'Roll, seine Arbeiten kommen einem retro-futuristischen Gesamtkunstwerk aus sound and vision gleich. In die Melancholie des Blues stößt er mit Beats und Samples, in die Bilderwelt des Sex mit Verlust und Tod. Manchmal nimmt der Tigerman seine Fangemeinde auch beiseite, um ihr gefährliche Lieder vom Verlangen zu singen; die Spannung, die seinen cineastischen Psycho-Trips innewohnt, speist sich aus dem Trippeln der Finger auf den Saiten einer 1952er Gibson oder einer klassischen Danceelectro, dem dumpfen Donner auf der Bassdrum, die klingt, als hätte Maureen Tucker sie bei Velvet Underground vergessen. Und aus dieser Stimme, die einem Crooner aus dem Hinterzimmer eines B-Movies gehört. Ein Mann, der den Fado seiner Heimat kennt, den Blues aber lieber nach der Art des Mississippi Deltas spielt.

Paulo Furtado wurde 1970 in Mosambik geboren, als Kind zog er mit den Eltern nach Coimbra in Portugal. Mit 19 hatte er seine erste Band - die Tédio Boys spielten schönsten Eins-zwei-drei-in-die-Fresse-Rockabilly („Fuck The Beatles“) und machten selbst in den Vereinigten Staaten des Rock'n'Roll von sich reden. Als die Band im Jahr 2000 ihre Auflösung bekanntgab, hatte Furtado mit Wraygunn schon einen Verein furchtloser Garagen-Rocker am Start. Etwas später schlüpfte er in die Haut des Legendary Tigerman, eine Rolle, die ihm von Album zu Album besser zu Gesicht steht.

„Naked Blues“ war der Geburtsschrei des Tigerman 2002, Furtado befreite den Blues vom Bierbauch seiner Rockadepten und erklärte so nebenbei Bo Diddley und „Wild Man“ Hasil Adkins seine Liebe. Vom Debüt bis zum dritten Album „Masquerade“ (2006) arbeitete der Tigerman an immer neuen Versionen dieser von Ornamenten befreiten, aufreizend hüllenlosen Musik, deren optisches Äquivalent ganz konsequent auf den LP-Covern und in den ersten Super-8-Videos zu finden war: die miederlosen Ladies, mal lasziv auf ein Laken dahingestreckt, mal beim Nackt-Kartenspiel im Schummerlicht und hernach den Tigerman im doggy style lockend (eine Stellung, die dazu beigetragen haben sollte, dass diese fleischintensiven, kleinen Privataufnahmen von zahlreichen TV-Stationen zensiert wurden).

Für die 14 Tracks auf „Femina“ (2009) lud The Legendary Tigerman  Sängerinnen seiner Wahl ins Studio, um mit ihnen die Wiedergeburt des Rock'n'Roll in der Basisversion zu proben. U.a. dabei: Peaches, Cibelle und Becky Lee, die Nouvelle-Vague-Sängerin Phoebe Killdeer und Lisa Kekaula von den Bellrays. Gesang, Gitarre, Bass und eine Rhythmusmaschine - viel mehr brauchte es nicht, um selbst schwer aktualisierbare Songs wie „These Boots Are Made For Walking“ neu aufzulegen. Im Video zum Album-Highlight „Life 'Aint Enough For You“ gibt die italienische Schauspielerin Asia Argento eine geheimnisvolle Schöne, die ihren Lover nach der gemeinsamen Nacht allein zurücklässt – ein wunderbares Stück Rock'n'Roll-Existenzialismus, in dreieinhalb Minuten eingefangen. Auf dem Plattencover nimmt Furtado erstmals die Rolle des Verführers ein, die er sonst seinen Musen überlässt - als androgyner Beau mit dunkel geschminkten Lippen und einer Zigarette zwischen den Fingern. Für die Inszenierung  zeichnete der französische Starfotograf Jean- Baptiste Mondino verantwortlich.

„Femina“ war ein zweiter Startschuss für Furtado, im Anschluss an das Album feierte er Erfolge in Clubs und Theatern, auf Festival-Bühnen in Europa, den USA und Südamerika – meist solo, ab und an auch mit Band. Das „Fuji Rock Festival“ in Japan buchte ihn für eine Show, nachher spielte der Tigerman sieben Mal auf verschiedenen Bühnen. Bei der „Berlin Music Week“ im vergangenen September gab Furtado einen umjubelten Auftritt im Rahmen der Veranstaltung „French Connection“, die das Bureau Export De La Musique Française organisiert hatte. Furtado ist bei Sony in Frankreich unter Vertrag und besitzt in der „Grande Nation“  eine eingefleischte Fangemeinde. Nicht ganz zufällig wurde der französische Kosmetikweltmarktführer L'Oreal auf den quecksilbrigen Entertainer aufmerksam, sein Rock'n'Roll-Stomper „Light Me Up Twice“ bringt der aktuellen bundesweiten TV Werbekampagne für ein Tagespflegeprodukt von L'Oreal bereits seit mehreren Monaten entschieden den Groove bei.

Furtado brachte sich über die Jahre auf verschiedene Weise in Filmproduktionen ein, er definiert sein Werk immer auch in Bildern, er komponierte die Soundtracks für zwei Filme von Roberto Areias, hatte einen Cameo-Auftritt in Werner Schröters „Diese Nacht“ (Originaltitel „Nuit De Chien“) und führte selbst Regie bei einigen Kurzfilmen.

Der Track aus der Werbung ist jetzt auf einer EP zu finden, die als Vorbote zum jüngsten Tigerman-Album „True“ in Deutschland veröffentlicht wird. „True“ entstand 2014 in jenem Lissaboner Studio, das schon die legendäre Fado-Sängerin Amália Rodrigues für ihre Aufnahmen besucht hatte. Der Titel steht für Kontinuität und Wandel zugleich, für die beiden Pole, zwischen denen der Tigerman sein Universum hochzieht. Furtado hat noch einmal mit „Femina“ Rita Redshoes zusammengearbeitet, er hat dem Album wieder eine Dokumentation und einen Kurzfilm („Oblivion“) auf DVD beigelegt. Der dunkle Rock'n'Roll und Blues der frühen Jahre aber wird inzwischen von den lichten Momenten einer Kammer- und Bläsermusik gebrochen, es entsteht ein komplexeres Bild des Künstlers.

Die Songsammlung hat Furtado mit einer Widmung im Booklet versehen: „In Loving Memory Of Lux Interior & Charles Bukowski“. Der 2009 verstorbene Cramps-Sänger, der Punk und Rockabilly ins Theatralische transzendierte und der dirty old man der amerikanischen Literatur (1920-1994). Soviel Namedropping darf sein bei Paulo Furtado. Der Tigerman scheute nie davor, seine Claims auf einem Feld von Verweisen und Einflüssen abzustecken, in den verwandten Seelen findet er Beistand für die Verwüstungen und Verletzungen, die das Hier und Jetzt ihm zufügt. Er kann einen Trennungs-Blues mit sanfter Zunge nach hause singen („Do Come Home“), als wäre der Geist von Chris Isaak in ihn gefahren, und im Film-Noir-Video dazu sitzt die Verflossene auf der Rückbank seines Wagens - als Fata Morgana mit Kippe zwischen den Mundwinkeln. Im nächsten Track („Gone“) rückt er den Gespenstern der Einsamkeit mit Feedback und einem schreienden Saxofon zu Leibe, der Film nimmt Farbe an, ein tödlicher Schuss mitsamt einer Auferstehung, eine Verfolgungsfahrt, der Motor heult zum finalen Akt der Befreiung auf. „Wild Beast“ ist ein Flüsterrockabilly mit nicht viel mehr als Gitarre und Gesang – der Tigerman tänzelt am Abgrund, im Kopf der Liebeswahnsinn seines Lebens: „I'm just a wild beast with a broken heart“. Wer so etwas singt, muss mit jeder Faser seines Körpers in den Song gehen, sonst gibt er sich der Lächerlichkeit preis. The Legendary Tigerman umkurvt auch diese Klippe.

Wenn David Lynch nicht gerade selber ein Album aufnimmt und einen Soundtrack für seinen nächsten Film suchen sollte, wäre er 2015 bei Paulo Furtado an der richtigen Adresse. Der Tigerman fährt mit seiner Stimme an den äußeren Enden all der verlorenen Highways entlang, den Blick auf die verkorksten Typen gerichtet, die ihre Seele gerade dem Teufel verkaufen wollen oder knietief in ihrem persönlichen Drama hängen. Aber eins erzählen uns die Songs des Tigerman zur selben Zeit auch: Bist du mit Mr. Furtado einmal durch die Hölle gefahren, verflüchtigt sich der Schmerz und wird zu einer betörende Duftnote, die aus dem Himmel kommen muss. Man könnte es auch so sagen:

Mit dem Tigerman verspricht der Blues des 21. Jahrhunderts wieder ein bisschen Katharsis.

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