GIZMO VARILLAS| Biografie

  • Roachford

Dreaming of Better Days

“Timeless” Gary Crowley, BBC Introducing

“Hugely talented” Tom Robinson, BBC 6 Music

“He sounds like a thoroughly interesting young man” Simon Raymonde, Amazing Radio

Mit Blick darauf, dass die letzten Jahre durch die zunehmende Selbstbezogenheit zeitgenössischer Politiker gekennzeichnet waren, und durch einen Aufschwung dessen, was man vorsichtig – oder euphemistisch – als „Nationalismus“ bezeichnen kann, so kann die Geschichte von GIZMO VARILLAS  als das genaue Gegenteil betrachtet werden, wenngleich dies kaum beabsichtigt war. Seine Musik bietet jedoch fraglos eine kraftvolle Alternative gegen die zunehmend besorgniserregenden Schlagzeilen, die sich in diesen Tagen häufen – und das wiederum durchaus mit Bedacht. Wie auf seinem Vorgänger El Dorado – ein Album, das durch die beschwingte Atmosphäre seines überbordenden Idealismus besticht, aber gleichwohl von Realismus geprägt ist – geht der junge Künstler auch auf DREAMING OF BETTER DAYS auf Spurensuche nach den dunkleren Seiten des Menschen und versucht, gerade dort Licht zu finden. Dies ist eine Eigenschaft, die man als selten betrachten kann, die jedoch gleichwohl unverzichtbar zu sein scheint.

„Ich bin ein hoffnungsloser Romantiker“, räumt VARILLAS lachend ein, „und sicherlich auch ein Optimist. Wir hören so viele negative Sachen über die Welt, aber ich versuche, mich immer auf die positiveren Seiten der Menschheit zu konzentrieren. Wenn ich nur nach den Nachrichten gehen würde, hätte ich ein sehr verzerrtes Bild von der Wirklichkeit. Ich weiß jedoch, dass es dort draußen in der Welt jede Menge gute Menschen gibt.“ Diese optimistische Einstellung zum Leben spiegelt sich auf charmante Weise in dem Titel zum zweiten Album wider und durchzieht auch viele seiner Songs. Derartige Gefühlregungen sind nicht nur auf die Songtexte beschränkt, obwohl diese eine ungewöhnlich positive Ausstrahlung haben: Auf dem vorzüglichen „Fever, Fever“ etwa scheint er mit „tearing down these walls we have between us“ eine Problematik unserer Zeit anzusprechen, derweil das ganz ruhige Bahnen ziehende „Love Heals With Time“ sich besänftigend jenen zuwendet, die sich „lost… in the noise” fühlen. „One People“ wartet wiederum mit einem prägnanten, zeitgemäßen und musikalisch höchst ansteckenden Appell auf: „Get together now“. Seine Überzeugungen werden zudem auch in der Stimmung der Musik offensichtlich, die aus den warmen Klängen seiner musikalischen Wurzeln ebenso hervorgehen wie aus seinen weitgefächerten musikalischen Quellen. Überhaupt erzeugt er durch eine Vielzahl exotischer Instrumente einen beneidenswerten und reizvollen Sound, der einerseits bittersüß und andererseits mitreißend überschäumend ist.

Dass VARILLAS die Art von Mensch ist, der in seinem Studio ein großes Poster mit der Aufforderung „Keep Smiling“ hängen hat, überrascht da wohl kaum. Aber das ist auch dem Umstand geschuldet, dass er alles andere als ein zurückgezogenes Leben geführt hat. 1990 in der spanischen Stadt Santander geboren, zog er mit seinen Eltern, einem Künstlerpaar, im Alter von vier Jahren nach Großbritannien und kehrte sechs Jahre später wieder mit seinem Vater, den Großeltern und einem Onkel zurück in die alte Heimat. Ein Todesfall in der Familie überschattete jedoch sein neues, sonnendurchflutetes Leben, und aufgrund von Problemen in der Schule und anderen Bürden des Teenagerdaseins zog es ihn mit 14 Jahren für einen Neustart zu den britischen Inseln zurück. 

Er gibt zu, dass diese wiederholten Umgebungswechsel von früh an es ihm schwer machten, Fuß zu fassen. „Ich fand es schwierig, meinen Platz zu finden“, erklärt er, „besonders, weil ich ein scheuer, verschlossener Junge war. Ich wurde als Outsider betrachtet: In Spanien war ich der Typ aus England, und in Großbritannien der aus Spanien.“ Nichtsdestotrotz war der Schritt, zurück ins Vereinigte Königreich zu gehen, „eine Rettung“, wie er sagt. Das hatte nicht nur mit den sich dort ergebenden Möglichkeiten zu tun, zu denen bald ein Studium der Soziologie und Medienwissenschaften in Cardiff gehörte. Dort, so staunt er noch immer etwas ungläubig, führten seine Fähigkeiten als Dokumentarfilmer dazu, dass „Lehrer meinen Film in der Klasse den Studenten über Jahre immer wieder zeigten“. Später schloss er noch ein Bachelorstudium für Linguistik und Übersetzungen an der Universität von Westminster ab. 

Der ständige Ortswechsel führte schließlich dazu, dass in ihm die Erkenntnis reifte, dass „jedes Mal, wenn ich reise, mich dies als Mensch bereichert, so wie ich hoffe, dass es den Menschen um mich herum ebenso geht. Es hat mich als den Menschen geformt, der ich heute bin. Daran gibt es keinen Zweifel.“ VARILLAS’ Lebenserfahrungen blieben jedoch nicht auf Spanien und Großbritannien beschränkt. Er verbrachte beispielsweise auch viel Zeit in Südfrankreich, arbeitete dort als Freiwilliger auf Biobauernhöfen und lernte zu surfen, was beides seine Kunst nachhaltig beeinflusste. „Ich liebe das Meer und das Surfen“, sagt er begeistert. „Ich liebe die Berge und das Bergsteigen. Das steht alles mit der Natur in Verbindung und spielt in meiner Musik eine Rolle.“ Derzeit lebt VARILLAS – der nachdrücklich betont, dass er sich mehr als Europäer denn als irgendetwas anderer betrachtet – in London, eine Stadt, die „mich massiv für andere Kulturen und Musik aus aller Welt geöffnet hat. Gerade durch diese Vielfalt ist es mir möglich, schneller zu meinen eigenen Wurzeln zu finden.“ Die englische Metropole wirkte sich auch noch auf ganz andere Art und Weise auf seine Arbeit als Musiker aus: „Das graue britische Wetter hat mich definitiv dazu getrieben, sonnige Melodien zu schreiben“, sagt er mit einem Lächeln. „Positive Musik zu schreiben hilft mir, durch den Tag zu kommen.“ 

Bislang hat er all seine Musik mehr oder weniger zuhause aufgenommen, umgeben von einer ganzen Armada von Percussion-Instrumenten, darunter, wie er strahlend auflistet, „eine kubanische Güiro, afrikanische Shekere und Mbira, Maracas aus Venezuela, ein Rain Shaker, eine brasilianische Pandeiro und eine Agogô, peruanische Flöten und marokkanische Glocken.“ Viele dieser Instrumente hängen bei ihm an der Wand. „Ich betrachte sie halt gerne“, erklärt er, „und dann stelle ich mir vor, welche Sounds ich damit kreieren kann. Ich umgebe mich gern mit all dem, weil es mir hilft, mir Arrangements auszudenken.“ In Anbetracht des lichten und luftigen Sounds von DREAMING OF BETTER DAYS – dessen Aufnahmen sich über ein Jahr erstreckten und auf dem Instrumente zu hören sind, die Gizmo noch nie zuvor verwendet hatte, darunter Piano, Harfe, Didgeridoo, Steeldrums, Marimbas, ein Xylophon und Taiko-Trommeln – ist es umso bemerkenswerter, das VARILLAS’ Studio immer in seinem Wohnzimmer war, etwas, das gelegentlich zu Problemen führte. „In dem Haus, in dem ich das Album aufnahm, lebten auch noch Mitbewohner, daher war es nicht immer leicht. Als ich eingezog, hatte ich einen Nachbarn, der von zuhause arbeitete, und zwar direkt über mir.“ Bis heute träumt er davon, auf einer Platte doch noch mal ein richtiges SchIagzeug einsetzen zu können.

Auch wenn die vorherrschende Stimmung in der Musik von VARILLAS wirken mag, als wolle sie die pure gute Laune vermitteln, würde das über die Tiefe jener Gefühle hinwegtäuschen, die den Songs zugrunde liegen und auch jener, die sie auslösen. Tatsächlich nutzt er sein enzyklopädisches Wissen über die farbenfrohen Rhythmen, derer er sich von rund um den Globus bedient, weidlich aus: die Rumbas und Flamencos seiner Heimat, lateinamerikanische Salsas, Tangos und Bossa Novas, afrikanischen Highlife und Mali Blues, Calypso und Soca. Aber deren überbordender Schwung wird häufig konterkariert durch wehmütige Melodien und das Wissen um die harten Seiten des Lebens. „Mir gefällt die Vorstellung von traurigen Songtexten mit fröhlicher Musik. Das gleicht die Dinge aus. Ich habe mal gelesen, dass sich Menschen weniger daran erinnern, was man ihnen gesagt hat, als an das Gefühl, was man ihnen vermittelt hat. Ich glaube, das trifft es sehr gut.“

In dem Fall von VARILLAS können die nachhaltigen emotionalen Reaktionen, die von seinen Songs ausgelöst werden, recht komplex sein, doch nie war das offensichtlicher als in dem außergewöhnlichen Song „Losing You“, der im Jahr 2016 nach dem tödlichen Massaker in einer Disco in Orlando, Florida entstanden war. „Was ich an diesem Tag im Zug gesehen habe, ist mir wirklich nahe gegangen“, erinnert er sich. „Ich war auf dem Weg zur Arbeit und mir gegenüber saßen zwei Männer, die sich an den Händen hielten und weinten. Ich muss das verinnerlicht haben, denn am nächsten Tag sprudelte der Song einfach aus mir heraus, Wort für Wort. Ich habe den Namen Maribel benutzt, um mich in die Lage einer der Latina-Mütter zu versetzen, die ihr Kind verloren haben. Dieser Song ist im Grunde genommen ein Brief an sie. Der traurige Text verleiht dem Song Tiefe und die fröhliche Melodie wiederum soll einem Mut geben, dass schon alles wieder gut wird.“

Es ist eine Technik, die er regelmäßig anwendet, wie unterschiedlich die Themen auch sein mögen: der Opener „Lonely Heart“, der nicht wenige unweigerlich an Paul Simons Arbeiten für Graceland erinnern wird, ist eine Ode an die Kameradschaft, während die Tropicália-Preziose „Through The Hourglass“ – „inspiriert von klassischen, afrikanischen Klängen“, wie VARILLAS betont – zwar Trauer und Angst thematisiert, doch mit einem hoffnungsvollen „I’ll find my way back home“ endet. Auch in „Dreaming of Better Days“ bleibt der Blick ruhig und gelassen, ja vertrauensvoll in eine bessere Zukunft gerichtet, während sich das vergleichsweise entspannte „Lights Down Low“ nach und nach nicht als das vermeintliche Hohelied auf romantische Gefühle erweist, sondern als ein Lobgesang auf die Individualität respektive auf die Eigenständigkeit. „Ich war zwar von Liebe inspiriert, als ich diesen Song schrieb“, bekennt VARILLAS, „aber er handelt davon, allein zu sein, ganz im Einklang mit sich selbst. Ich mag solche überraschenden Wendungen.“ Nicht zu vergessen die in seiner Muttersprache Spanisch gesungenen Songs: das großartig verträumte „Camino Al Amor“ und der relaxte Swing von „Fin De Males“, der den Gedanken aufgreift, „dass die Welt um uns herum aus Betrachtungsweisen besteht, wer wir als Menschen sind: aus unseren eigenen Gefühlen und Gedanken.“

Seine Methodik ist jedenfalls bislang aufgegangen. El Dorado rangierte zum Beispiel bei der britischen Musikzeitschrift Classic Pop in den Top Ten der besten Platten des Jahres 2017, und, VARILLAS muss grinsen, „es hat mich umgehauen, dass Songs, die ich in meinem Wohnzimmer aufgenommen habe, es in die Radiosender in aller Welt geschafft haben: nach L.A., Mexiko, Deutschland. Ich habe auch Nachrichten von Fans aus Griechenland, Australien und Russland bekommen...“. Wenn man darüber nachdenkt, ist es gar nicht so unwahrscheinlich, dass seine Reisen – die im Geiste und die geographischer Natur – auch andere Menschen inspirieren könnten, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen. Musik ist schließlich eine universelle Sprache, und VARILLAS erinnert sich, wie sie in schwierigen Zeiten seiner Kindheit „der Soundtrack meines Tages war, 24 Stunden lang. Ich konnte einfach ohne Musik nicht leben. Ich bin dabei eingeschlafen und am nächsten Tag wachte ich auf und hörte weiter. Das hat mir einfach gut getan.“

Es ist beunruhigend, wenn man sich überlegt, dass ein Album, das sich so sehr mit universellen Werten jeglicher Art beschäftigt, so sehr mit der Welt im Ganzen zu hadern scheint, aber das ist noch ein Grund mehr, warum DREAMING OF BETTER DAYS ein großes Publikum verdient. Aus dem Gefühl des Reisens ohne Grenzen heraus geboren – ganz gleich, ob nationale, kulturelle oder musikalische -, ist dieses Album eine ebenso ermutigende wie weltgewandte Reaktion auf das, was VARILLAS tagtäglich wahrnimmt. Es sollte uns auch an etwas erinnern, was einst eine fest verankerte Überzeugung war und zu einem Klischee geworden ist: dass uns Menschen mehr vereint als unterscheidet. 

„Die Medien und Moden von heutzutage gaukeln den Menschen vor, ihr Leben sei nicht gut genug, ja, sie selbst seien nicht gut genug“, bemerkt VARILLAS abschließend. „Wir haben hohe Erwartungen und setzen uns selbst so wahnsinnig unter Druck, dass wir unglücklich werden. Wir neigen dazu, uns auf kleine bedeutungslose Dinge zu konzentrieren, obwohl wir doch Teil von etwas viel Größerem sind. Wenn wir das nur ein wenig beherzigten, gäbe es so viele Dinge, die wir tun könnten, um die Welt zu einem besseren Ort für uns alle zu machen. Meine Botschaft ist die der Hoffnung. Ich möchte nicht, dass dies irgendjemand mit Naivität verwechselt: Ich habe selbst viel mitgemacht und weiß, wie grausam die Welt sein kann. Ich wünsche mir nur, dass wir alle ein bisschen mehr versuchen, uns gegenseitig zu unterstützen – mehr nicht.“ DREAMING OF BETTER DAYS bietet dafür jedenfalls die notwendige Inspiration.

von Wyndham Wallace

(ins Deutsche übertragen von Thomas Gilbert)  - April 2018

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