Brian Lopez | Biografie

  • Bliss

"Ich habe mir für jeden Song genug Zeit genommen, um ein Prachtstück daraus zu machen."

Die Songs von Brian Lopez haben durchweg etwas Sanftmütiges. Das liegt einerseits an seinem wunderbaren Falsett, das nicht von ungefähr mit dem von Jeff Buckley und Thom Yorke verglichen worden ist, andererseits liegt das aber auch an seiner feinfühligen Handschrift als Komponist. Der Musiker aus Tucson, Arizona genießt seit seinem Debütalbum „Ultra“ aus dem Jahr 2011 einen erstklassigen Ruf als einer der vielseitigsten Musiker der kleinen Künstlermetropole, in der unter anderem Calexico und Giant Sand beheimatet sind. Sein Erstlingswerk als Solomusiker (zuvor hatte er sich schon in der an den Pixies und Radiohead orientierten Rockband Mostly Bears als Sänger und Gitarrist hervorgetan) war geprägt von feingliedrig arrangierten Songs, melancholisch, psychedelisch, verträumt, gravitätisch – kurz, ultraschön.

„Static Noise“, das neue Album von Brian Lopez, ist das Ergebnis einer stärker auf die Songs fokussierten Haltung. „Wenn man sich das alte Album anhört und sieht wie vielschichtig es ist, habe ich nun versucht beim Arrangieren und Komponieren die Zügel ein wenig zu straffen. Ich habe mir für jeden Song genug Zeit genommen, um ein Prachtstück daraus zu machen. Das Album sollte einfach kraftvoller werden, mit mehr E-Gitarren und mehr Schlagzeug, also mehr in die Richtung von Rock’n’Roll.“ Dazu sollte man vielleicht wissen, dass Brian Lopez in jungen Jahren klassische Gitarre und Spanisch studiert hat, mit 21 Jahren auf der Suche nach seinen spanischen Wurzeln für ein halbes Jahr nach Barcelona gegangen ist, neben seiner Leidenschaft für Rock’n’Roll auch eine Vorliebe für lateinamerikanische Musik wie Mambo und Cumbia hegt und die surreale Kunst von Salvador Dalí liebt.

Nach der Veröffentlichung von „Ultra“ war Brian Lopez erst einmal enorm viel unterwegs, absolvierte nicht nur Tourneen als Solokünstler, unter anderem unter dem Motto „Tucson Songs On Tour“ mit Sergio Mendoza Y La Orkesta und Marianne Dissard, sondern auch mit Howe Gelb und dessen Band Giant Sand. Mit Howe Gelb ist er befreundet und hat ihn bei den Aufnahmen zum Giant Giant Sand Album „Tucson“ unterstützt. Auch mit der schottischen Popkünstlerin KT Tunstall hat er in Tucson aufgenommen und sie als Support-Act auf Tournee begleitet. Darüber hinaus hat er gemeinsam mit dem ebenfalls in Tucson ansässigen Sänger und Gitarristen Gabriel Sullivan die Formation Chicha Dust gegründet, benannt nach der peruanischen Cumbia-Variante Chicha. Darin spielt er eine psychedelische Rock’n’Roll-Cumbia, die man sich am besten auf dem 2013 veröffentlichten Album „Live At The Dust Ballroom!“ vergegenwärtigt.

All diese Auftritte und die damit verbundenen Reisen haben, so Brian Lopez, auch die Songs für „Static Noise“ entscheidend geprägt. „Die letzten Jahre war ich einfach viel unterwegs, mit verschiedenen Projekten beschäftigt und war immerzu hin und hergerissen, auch was Beziehungen betrifft. Da kommt man sich mitunter schon recht verloren vor. Es ist aufregend, aber manchmal auch recht einsam. Das kommt auch in meinen Songtexten zur Geltung, dass ich mehr mit mir zu kämpfen habe als ich zugebe, Die Songs sind in gewisser Weise auch eine Therapie für mich.“ Die Therapie ist jedenfalls gelungen. Co-produziert von Jim Waters (Sonic Youth, Jon Spencer Blues Explosion) hat Brian Lopez im Waterworks Recording Studio in Tucson ein Dutzend Songs aufgenommen, die ein wunderbares Patchwork ergeben. Für die exzellente Abmischung sorgte Stuart Sikes (White Stripes, Cat Power), die Arrangements betreute Sean Slade (Radiohead, Pixies) – ein perfektes Team für ein perfektes Album.

„Static Noise“  erweist sich als ein psychedelisch anmutendes Patchwork aus fein arrangierten Songs unterschiedlicher Couleur. Der Opener „Mercury In Retrograde“ zeigt gleich zwei ganz unterschiedliche künstlerische Seiten. Der Song startet mit heftigen psychedelischen Riffs, die an den frühen Syd Barrett denken lassen, und mündet am Ende in leicht ins elegisch kippende Walzerklänge.  „Modern Man“ ist ein psychedelischer Rocksong mit viel Drive, ganz so wie ihn eigentlich britische Psychedelic-Pop-Acts wie Kula Shaker, The Coral oder The Temples ausgezeichnet beherrschen. „Glass House“ verbindet Flamenco-Beat mit psychedelischen Elementen und überzeugt gerade durch diese Hybride – irgendwo zwischen Jeff Buckley und der Sixties-Legende Love, mit dessen Bandleader Arthur Lee er nicht nur stilistisch verwandt ist, sondern auch die Lockenpracht teilt. Mit „She’s Not There“, einer Coverversion des 1965er Hits der Zombies, hat er nach Echo & The Bunnymen’s „The Killing Moon“ für „Ultra“ auch wieder ein Stück Rockgeschichte auf brillante Art und Weise auf Hochglanz poliert. Zu den weiteren temporeicheren Songs zählen das perkussiv forcierte „I Don’t“ und das countryeske „Crossfire Cries“. 

Aber es gibt natürlich auch die für Brian Lopez nicht minder typischen, entspannten Momente wie den Titelsong „Static Noise“, das mystische-düstere „World Unknown“ oder „Wrong Or Right“, eine dieser süßlichen Liebesballaden, die an die große Crooner-Ära der Sixties erinnert und keinerlei Hehl daraus macht, dass hier ein glühender Verehrer von Roy Orbison singt. „When I Was A Mountain“ ist vielleicht der zärtlichste Song des Albums, eine hinreißend melodische Ballade, die nicht nur gesanglich das Erbe von Jeff Buckley antritt, sondern auch ganz in dessen melancholisches Fahrwasser eintaucht. Schwerelosigkeit, Luftschlossarchitektur der versonnenen Art, zusätzlich beseelt mit einem Hauch Gospel und verwehten Mariachi-Trompeten. „Persephone“, in den USA bereits als Single ausgekoppelt, taucht ebenfalls ganz elegant und raumgreifend ins melancholische Moll ein. Den Schlusspunkt setzt mit „Goodbye“ ein Wiegenlied, das an die Anfänge der Popmusik zu Zeiten großer Entertainer wie Frank Sinatra erinnert.

„Static Noise“ ist ein großer Wurf, ein meisterliches Album irgendwo zwischen der phantasievollen Psychedelic-Pop-Art des Temples-Debüts „Sun Structures“, den Southwest-Wüstenmelodramen von Calexicos „Feast Of Wire“ und zeitlosem Rock’n’Roll-Entertainment, das Past, Present und Future kongenial vereint. Brian Lopez hat seine künstlerische Bestimmung mit „Static Noise“ endgültig gefunden. An dem Prachtstück des phantasievollen Lockenschopfs dürften viele Menschen noch ihre helle Freude haben.

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